Schnitt, Effekte und Nachbearbeitung – (Experimental-)Film im 21. Jahrhundert

Neben Ignoranz stellte Torsten Meyer noch die, von Jean Piaget entliehenen, Begriffe der Assimilation und der Akkomodation „als Möglichkeiten des kunstpädagogischen Umgangs mit neuen Medien“ im Rahmen der Ringvorlesung “Kunstpädagogische Positionen” an der Universität Hamburg am 21.6.2004 vor.

Assimilation wäre die Umsetzung von Bekanntem mit neuen Mitteln. Was gab es in der Filmgeschichte schon, was in unserem Film lediglich mit zeitgenössischeren Mitteln umgesetzt wurde? Während Buñuel und Dalí für die motivische Verbindung ihres surrealistischen Klassikers „Der andalusischer Hund“ wohl noch Zelluloid zerschnitten und, neu angeordnet, wieder zusammengefügt haben dürften, geschah dies bei uns am digitalen Schneidetisch des Computers. Ähnliches gilt für das Überblenden in diesem Zusammenhang. Noch sehr viel dankbarer bin ich für die technischen Möglichkeiten, wenn ich an die hier thematisierte Sequenz denke, deren vertikale Montage, wie sie durch Maya Deren „Meshes in the Afternoon“ begründet wurde, denke. Das Kopieren, Schneiden und Montieren wäre auf jeden Fall um ein vielfaches komplizierter und zeitintensiver gewesen.

Was wäre, Meyers Mediologieverständnis folgend, nun aber die Akkomodation

„die Modifizierung eines Schemas oder Entwicklung eines neuen Schemas als Reaktion auf Erfahrungen, die nicht in das vorhandene Schema passen. […] nicht […] »Chancen und Grenzen der Neuen Medien im Kunstunterricht« […], sondern […] »Chancen und Grenzen der Kunstpädagogik im Neuen Medium«.“

(Torsten Meyer “Kunstpädagogik im Neuen Medium”, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung “Kunstpädagogische Positionen”, Universität Hamburg, 21.6.2004; S. 9)

Dies bringt uns zu den Effekten, die das 21. Jahrhundert bereithält. Die nachträgliche Bild- und Videobearbeitung, die Möglichkeit das Material zu modifizieren; und zwar jenseits optisch naheliegender Anschlussmöglichkeiten und [der digitalen Kopie sei Dank] ohne die Gefahr im Falle eines Misslingens oder -fallens das Risiko des Materialverlustes zu haben. Anders ausgedrückt, was nicht passt wird passend gemacht. So konnten wir die Aufnahmen von unterschiedlichen Drehorten, die mitunter in Licht und Farbe stark divergierten, durch hinzufügen eines Effektes in eine einheitliche Ästhetik bringen. Darüber hinaus lässt sich in einem größeren Kontext läßt sich sagen, dass Digitale Technik es ermöglicht Datenmashups mit wenigen Klicks zu etwas Neuem und eigenem umzuwandeln. Dabei denke ich ausdrücklich auch an die Verwendung von nicht selbst produziertem Material, weshalb ich darauf drang unseren Film unter Creative Commons Lizenz zu stellen. [Ausführlich zum Gedanken des (re)creating: hier]

Nun arbeite ich gegenwärtig nicht als Kunstpädagoge, gleichwohl ich einzelne Gedanken dazu hier bereits skizziert habe, doch für die Kunst, explizit auch für die Filmkunst, geht es für mich genau um diese Chancen im neuen Medium.

Oder anders gesagt: „der Computer wird der Masse die Möglichkeit an die Hand geben, sich »künstlerisch« selbst zu verwirklichen in einer Art, die weit über das Videofilmen hinausgeht: Jeder sein eigener Schöpfer!“ (Franz Reichle „Bewegtes Bild/Film“)

Die leicht nihilistisch anmutende „Prognose“ Reichles, dass dies das „Stadium der Antikunst“ begründen würde, welche er obigem Zitat folgen lässt, teile ich allerdings nicht. So wenig „Malen nach Zahlen“ in meinen Augen Kunst darstellt, so wenig bin ich gewillt bedingungslos jedes YouTube-Exponat als selbige zu kategorisieren. Die Kreativität und der Ausdruck des Individuums sind meiner Ansicht nach nach wie vor relevante Faktoren, unabhängig von der Wahl des Mediums. So wie zum Beispiel Hubert Piske sich beim Holzdruck von der Maserung des Materials und unerwarteten Brüchen beim Schneiden immer wieder im Schaffensprozess in den Dialog mit seinem Werk tritt, so wurden wir beim Schaffensprozess unseres Filmes immer wieder mit technischen Möglichkeiten und Beschränkungen konfrontiert und interagierten unsererseits mit dem Material und den Mitteln. Man könnte also, frei nach Piaget und Meyer sagen, mediologische Assimilation und Akkomodation.

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